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Krisen-Management: Ritualisierung und Ausnahme in antiken Kulturen

Wir leben derzeit in einem völlig unerwarteten Ausnahmezustand, der von unserem normalen Alltag absticht und radikales Umdenken erfordert, im Haushalt, im öffentlichen Raum und schlicht systemumgreifend. "Corona" ist ein Synonym für die Änderung unserer selbstverständlichen Lebenspraxis. Das Virus öffnet uns die Augen durch seine Umkehrfunktionen: das Treffen zu einem Gespräch in der Bar war Alltag und wird plötzlich zur Ausnahme, während der Tod sich wieder in ungeahnter Weise als alltäglich zu erkennen gibt.

Statt gebannt auf diese Umwälzung des Lebens zu schauen, deren Überleitung in eine alte oder neue Routine wir noch gar nicht abschätzen können, laden die Altertumswissenschaften der FU Berlin dazu sein, sich Gedanken zu strukturell ähnlichen Phänomenen in der Vergangenheit zu machen: welche Mechanismen entwickelten vergangene Gesellschaften, um sich gegen derartig umfassende Ereignisse zu wappnen, die als Krisen, wenn nicht Katastrophen über Kollektive hereinfielen? Spezifischer: sind Rituale Methoden der Einübung in das Außergewöhnliche gewesen?

Folgende vier Punkte fassen das Workshop-Thema zusammen:

  • Ritualhandlungen können stark instrumentelle Züge aufweisen, die das Aufziehen von Krisen a priori vermeiden sollen. Hierzu gehört der große und viel­schich­tige Bereich von Opferhandlungen. Zu fragen ist dabei nach der Ordnungs­leistung des Opfers, das gewissermaßen als Versicherung gegenüber den Göttern abge­schlossen wird und das Funktionieren einer Gesellschaft nach außen wie innen gewährleisten soll. Wie genau verhalten sich dabei Aufwand und Nutzen und welchen symbolischen, semantischen und performativen Überschuss produzieren solche Rituale? Inszenieren und verwalten sie – trotz ihrer Regelhaftigkeit – die Ausnahme und, wenn ja, wie wird diese Grenzüberschreitung markiert?
  • Rituale werden eingesetzt, um periodische und damit einigermaßen vorhersehbare Krisen im Alltag zu gestalten und sie zu meistern. Hierzu gehören vor allem die rites de passage, die – gerade im Falle des Todes und der Bestattung – eine Über­brückungsleistung von einem alltäglichen Zustand in einen kritischen vermitteln. Andere rites de passage haben die Funktion, Rollentransfers von Individuen zu ermöglichen, ohne die zugrundeliegenden sozialen Strukturen in Frage zu stellen. Welche Aspekte von Ritualen stellen eine erfolgreiche Brückenposition bei der Rückführung in die Normalität sicher?
  • Rituale können Alltagshandlungen abwandelnd imitieren. Ein gutes Beispiel hierfür sind Feste, in denen die strukturelle Grundlage das alltägliche Mahl darstellt. Auf welche Weise werden Alltagshandlungen modifiziert, um den Ausnahmefall des rituellen Mahls aus der Unhinterfragbarkeit des Alltags abzuheben, und was sind potenzielle soziale Auswirkungen hiervon?
  • Rituale erfordern oftmals einen erheblichen Arbeits-, Zeit-, Raum- und Organi­sa­tions­aufwand. Es handelt sich meist nicht einfach um eine Distanzierung vom Alltäglichen, sondern es entwickeln sich komplexe materielle Strukturen wie große Gebäude (Tempel), Landschaftsheiligtümer und andere Paraphernalia, die das Ritual in seinem Ablauf auch lenken und diachron stabilisieren. In welchem Verhältnis stehen diese materiellen und strukturellen Ausnahmebedingungen zu einem als „normal“ wahrgenommenen Leben? Und schließlich: Was bedeutet die Einrichtung ritueller Strukturen (der Ausnahme) für die Ökonomien von Gesellschaften?