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Stellungnahme zur geplanten Neuaufstellung der Archäologie an der HU

Der Vorstand des Berliner Antike-Kollegs (BAK) fordert die strategische Neubewertung der geplanten Neuaufstellung des Instituts für Archäologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

News from Mar 25, 2026

Die Humboldt-Universität zu Berlin hat am 20. Februar 2026 unter dem Druck der Sparvorgaben des Landes Berlin ihre Pläne zur Zu­kunft des Instituts für Archäologie öffentlich gemacht: Das Institut, so heißt es in der Pressemitteilung der HU, soll in seiner heutigen Form nicht weitergeführt werden und die Archäologie als Fach soll in stark reduziertem Umfang in einem neu zu gründenden Institut für Alter­tumswissenschaften aufgehen.

Der Vorstand des Berliner Antike-Kollegs kritisiert diesen Schritt mit Nachdruck und fordert das Präsidium der HU dazu auf, das einge­schlagene Planungsvorgehen zu überdenken und die als "Ergebnis" von Gesprächen zwischen Universitätsleitung und Dekanat präsen­tierte Maßnahme im Lichte der langfristigen wissenschaftlichen und strukturellen Verantwortung grundlegend neu zu bewerten.

Über die in den vergangenen Wochen von mehreren Seiten vorge­brachten Einwände hinaus sieht das Berliner Antike-Kolleg vor allem eine grundsätzliche strukturelle Problematik: Die geplante Maß­nahme betrifft nicht nur ein einzelnes Institut, sondern gefährdet die Funktionsfähigkeit eines in den letzten Jahren gezielt aufgebauten, international sichtbaren Forschungsverbundes.

Dieser Verbund – getragen von den Berliner Universitäten, der Universität Potsdam und au­ßeruni­versitären Einrichtungen – verfolgt das gemeinsame Ziel, die Altertumswissenschaften am Stand­ort Berlin-Brandenburg strategisch zu stärken und methodisch weiterzuentwi­ckeln.

Das Institut für Archäologie steht exemplarisch für diese Entwicklung. Es umfasst die Lehrbe­reiche Klassische Archäologie und Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas und bündelt damit komplementäre fachliche Kompetenzen und regionale Schwerpunkte in einer leistungsfähigen Struktur. Sein Profil kennzeichnet landschafts- und siedlungsarchäologi­sche, objekt- und bildwis­senschaftliche sowie semiotische und linguistische Forschung. Da­mit ist das Institut anschlussfä­hig an aktuelle Förderlinien und interdisziplinäre Forschungs­formate. Diese Leistungsfähigkeit zeigt sich nicht zuletzt im kompetenten Einsatz digitaler Methoden, etwa durch 3D-Techniken für die Dokumentation und Rekonstruktion internatio­nal bedeutender Fundorte, die Digitalisierung von Sammlungsbeständen sowie die Etablie­rung entsprechender Infrastrukturen. Darüber hinaus ist das Institut über seine Forschungs­aktivitäten international weit vernetzt, was sich unter ande­rem in Grabungsprojekten in Ägypten, Griechenland, Italien, Jordanien und auf Zypern sowie im Sudan zeigt. Die hier auf­gebauten Netzwerke und Strukturen stellen langfristige Investitionen dar, deren Wert sich nicht kurzfristig kompensieren lässt.

Das Institut für Archäologie ist somit integraler Bestandteil einer vernetzten, thematisch und me­thodisch innovativen Auseinandersetzung mit der Alten Welt. Sein Wegfall würde nicht nur zentrale altertumswissenschaftliche Disziplinen schwächen, sondern auch die in den ver­gangenen Jahren bewusst aufgebaute Kooperation und Profilbildung substanziell und lang­fristig beeinträchtigen.

Für das Berliner Antike-Kolleg als Verbund von zehn Partnerinstitutionen hätte dies unmit­telbare Konsequenzen: Die erst kürzlich abgestimmte gemeinsame Forschungsstrategie, an der die Kolle­ginnen und Kollegen des Instituts mit eigenen Initiativen aktiv beteiligt sind, würde in zentralen Punkten unterlaufen, und die Erfolgsaussichten in zukünftigen Exzellenz­wettbewerben würden deutlich gemindert. Zugleich wäre mit einer erheblichen negativen Signalwirkung gegenüber der nationalen und internationalen Fachöffentlichkeit sowie ge­genüber Förderinstitutionen zu rech­nen. Die geplante Maßnahme steht damit in einem deut­lichen Spannungsverhältnis zu den erklär­ten Zielen der Standortstärkung und Exzellenzför­derung in Berlin-Brandenburg.

In den vergangenen Wochen haben sich zahlreiche renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissen­schaftler im In- und Ausland sowie archäologische und geisteswissenschaftliche Fach­verbände in Pressebeiträgen und öffentlichen Stellungnahmen entschieden gegen die ge­plante Maßnahme ausgesprochen. Sie haben dabei nicht nur die aktuellen Forschungsstär­ken des Instituts hervorge­hoben, sondern auch seine lange Tradition und seine zentrale Rolle für die Altertumswissenschaf­ten, für kulturelle Bildung und für die Vermittlung histori­scher Zusammenhänge betont. Gerade hierbei kommt der Altertumsfor­schung auch eine wichtige Rolle für gesellschaftli­chen Zusammen­halt zu, indem sie histori­sche Perspektiven auf Differenz, Austausch und gemein­same kulturelle Bezugspunkte eröffnet.

Vor diesem Hintergrund plädiert der Vorstand des Berliner Antike-Kollegs nachdrücklich da­für, die anstehenden Entscheidungen nicht isoliert unter kurzfristigem finanziellem Druck zu treffen, son­dern im Rahmen einer sorgfältig abgestimmten, standortübergreifenden Strate­gie weiterzuentwi­ckeln. Eine tragfähige konzeptionelle Grundlage muss dabei ausdrücklich vor einer Beschlussfas­sung der Gremien der HU erarbeitet werden, und zwar unter verbindli­cher Einbeziehung der maßgeblichen Akteure sowie einschlägiger fachlicher Expertise. Die in den vergangenen Jahren einge­schlagene kooperative und vom BAK moderierte Entwicklung sollte konsequent gestärkt und fort­geführt werden.

Berlin verfügt über eine in dieser Form international einzigartige Forschungslandschaft zur Alten Welt. Die enge Verzahnung von Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrich­tungen, Mu­seen und wissenschaftlichen Infrastrukturen ermöglicht eine Breite und Tiefe der Forschung, die weit über einzelne Standorte hinausweist und maßgeblich zur internationa­len Sichtbarkeit des Wissenschaftsstandorts beiträgt. Diese Stärke beruht jedoch auf lang­fristiger, abgestimmter Ent­wicklung und auf der konsequenten Förderung von Kooperation und komplementären Profilen. Sie lässt sich nicht durch punktuelle oder unilaterale Ent­scheidungen unter kurzfristigem Anpas­sungsdruck sichern, sondern erfordert strategische Planung und institutionelle Verlässlichkeit.

Das Berliner Antike-Kolleg nimmt in diesem Gefüge eine zentrale Rolle ein, indem es diese in­stituti­onelle Vielfalt bündelt und strategisch weiterentwickelt. Es ist damit eine der wenigen Strukturen, die den Standort in seiner Gesamtheit – einschließlich der engen Verflechtungen mit Brandenburg – in den Blick nehmen und langfristige Entwicklungsperspektiven formulie­ren. Die Einbindung der Universität Potsdam sowie weiterer Partnerinstitutionen, darunter die Bundesanstalt für Material­forschung und -prüfung (BAM) seit 2025, ist ein konkreter Aus­druck dieser standortübergreifenden Perspektive: Sie erweitert das Spektrum der Kompe­tenzen in Forschung und Lehre in zentralen Be­reichen und stärkt zugleich die regionale Ver­netzung. Diese gewachsene Vernetzung bildet die Grundlage für zentrale Erfolgsformate des Kollegs – allen voran die Berlin Graduate School of An­cient Studies (BerGSAS), die gerade mit ihren zwei thematisch unterschiedlich orientierten archäo­logischen Promotionsprogram­men ein Magnet für internationale Promovierende ist. Maßnahmen, die diese strukturellen Voraussetzungen schwächen, würden nicht nur die erzielten Erfolge, son­dern auch die inter­nationale Sichtbarkeit nachhaltig beeinträchtigen.

Vor diesem Hintergrund appelliert der Vorstand des Berliner Antike-Kollegs nicht nur an das Präsi­dium der Humboldt-Universität zu Berlin, die geplanten Maßnahmen zu überdenken, sondern ebenso an die politisch Verantwortlichen im Land Berlin, die strukturelle Bedeutung der Altertums­wissenschaften für den Standort ernst zu nehmen und entsprechende Rah­menbedingungen aktiv einzufordern und zu sichern. Dazu gehört insbesondere, dass Ent­wicklungsperspektiven nicht al­lein entlang kurzfristiger Nachfrage- oder Auslastungslogiken bestimmt werden, sondern auf der Grundlage wissenschaftlicher Qualität, langfristiger Bil­dungsaufträge und internationaler Wettbe­werbsfähigkeit gestaltet werden.

Wir sind überzeugt, dass nur ein solches strategisch abgestimmtes Vorgehen die Vorausset­zungen dafür schafft, die Altertumswissenschaften in Berlin-Brandenburg nachhaltig zu si­chern und wei­terzuentwickeln.

Babett Edelmann-Singer - Dagmar Schäfer - Philip van der Eijk

Mitglieder des Sprecherteams,
im Namen des Vorstands des Berliner Antike-Kollegs

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